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Sind Helminthen bei der Behandlung chronisch entzündlicher Darmerkrankungen die Therapie der Zukunft ?
von Joel Weinstock, M.D. und William R.Summers, M.D.

Geschichte: Epidemiologische Studien zeigen, daß chronisch entzündliche Darmerkrankungen¹ (CED) in westlichen, industrialisierten Ländern bei Überfluß und guten sanitären Verhältnissen häufig vorkommen. Andererseits finden sich CED selten in Entwicklungsländern mit weniger sauberen Umweltbedingungen und gepferchterem Zusammenleben. Die Erklärung für diesen Unterschied war bisher immer spekulativ, aber es ist eine gesicherter epidemiologischer Tatbestand, daß sich die Häufigkeit von CED umgekehrt proportional zur Prävalenz von Wurmparasiten in den jeweiligen Populationen verhält.


Möglicherweise resultieren CED aus einer deregulierten Immunantwort auf den Darminhalt. Wenn das Immunsystem auf Fremdproteine reagiert, setzen Entzündungszellen Zytokine frei, die diese Reaktion steuern, und sprechen gleichzeitig auf diese an.

Bei vielen Immunreaktionen können zwei gegenregulatorische Muster der Zytokinsekretion ausgemacht werden. Polarisierte Th1-Antworten behindern die Expression von Th2-Zytokinen, während polarisierte Th2-Antworten Th1-Aktivitätsmuster behindern. Die Th1-Antwort wird durch einen Anstieg von IL3-12 und IFN-gamma 4 charakterisiert. Die Th2-Antwort zieht erhöhte IL-4, IL-5 und IL-13-Werte nach sich. Morbus Crohn stellt eine übermäßig aktive und zerstörerische entzündliche Reaktion dar, die möglicherweise von intestinalen Bakterien induziert wird. Das Zytokinprofil bei aktiver Colitis ulcerosa (CU) weist eine signifikante IFN-gamma-Erhöhung auf, ist jedoch nicht so polarisiert wie bei M. Crohn. Die pro-inflammatorischen Zytokine IL-1ß, IL-6, IL-8 und TNF-alpha 5 sind sowohl bei der CU als auch beim M. Crohn erhöht.

Unter experimentellen Bedingungen wird die von intestinalen Helminthen im Wirt hervorgerufene Immunantwort durch eine Zytokinausschüttung des Th2-Musters sowie einer unspezifisch herabregulierten Th1-Antwort charakterisiert. So konnte gezeigt werden, daß eine Reihe von Helminthen eine Typ2-artige Entzündung hervorrief, wodurch es zu einer Herabmodulierung von Immunantworten des Th1-Typs auf anderweitige bakterielle oder virale Entzündungen kam. Auf diese Weise gelangen Personen zu einer gedämpften Th1-Antwort, wenn sie mit anderen Antigenen konfrontiert werden. Dies könnte eine überschießende Th1-Entzündungsreaktion auf Schleimhautoberflächen, wie sie bei M.Crohn auftritt, verhindern. Andererseits könnten genetisch veranlagte Personen, die niemals einem Helminthenbefall ausgesetzt waren, eine starke, gegenwirksame Th2-Immunantwort vermissen lassen und eine kaum regulierte und destruktive intestinale Th1-Antwort entwickeln, die zu chronischer Kolitis oder Ileitis führt.

Neue Erkenntnisse: Obiger Logik folgend hat eine Forschergruppe der University of Iowa Health Care geschlossen, daß ein fehlender oder schwacher Kontakt mit intestinalen Helminthen als wesentlicher prädisponierender Umweltfaktor für eine CED zu gelten hat. Diese Hypothese basiert auf epidemiologischen Daten, die eine Zunahme von M. Crohn seit den 50er Jahren bis Mitte der 80er Jahre des letzten Jahrhunderts in industrialisierten Gesellschaften vor allem der gemäßigten Klimazonen belegen. Dieser Zunahme war ein deutlicher Rückgang der Inzidenz parasitischer Wurmerkrankungen vorangegangen, der vor den 30er Jahren des letzten Jahrhunderts nahezu alle Kindern in den südöstlichen Regionen der Vereinigten Staaten ausgesetzt waren. In den 40er Jahren des letzten Jahrhunderts wies bei Routineautopsien einer von sechs Amerikanern Anzeichen einer durchgemachten Trichinella-Infektion auf. In den 60er Jahren des letzten Jahrhunderts waren es nur noch weniger als 5%, wobei nur 0,5% Anzeichen einer kürzlichen Infektion aufwiesen.

Diese Hypothese wurde zunächst mittels Th1-induzierter intestinaler Entzündung am Mausmodell geprüft. Eine Bilharziose (vorausgegangener Kontakt mit Schistosoma mansoni) verhinderte die Entwicklung einer Kolitis bei den Mäusen, die rektal mit Trinitrobenzolsulfonsäure und Äthanol gereizt wurden. Der Vorkontakt führte zu niedrigerem Th1 und erhöhte die Th2-Ansprechbarkeit, wodurch die Mäuse vor der Entwicklung einer Kolitis bewahrt wurden. In einem weiteren Modell — Mäusen mit ausgeschalteten IL-10-Genen, die eine schwere Kolitis bei exzessiver Th1-Antwort auf Dickdarminhalt entwickeln — konnte der Eingeweidewurm H. polygyrus die intestinale Entzündung signifikant reduzieren. Eine intestinale Entzündung war bei IL-10-defizienten Mäusen nach Kontakt mit Trichuris muris ebenfalls signifikant abgeschwächt.

Es muß bemerkt werden, daß andere Th1-induzierte Autoimmunerkrankungen wie MultipleSklerose (MS) und Diabetes Typ1 die epidemiologischen Charakteristika der CED teilen. Zum Beispiel ist MS in tropischen Ländern selten und tritt gehäuft in industrialisierten, gemäßigten Regionen auf. Dementsprechend hat die Kolonisation mit helminthischen Parasiten in letzteren nachgelassen, während sie in vorgenannten unverändert geblieben ist. MS resultiert aus einerüberschießenden Th1-Immunantwort auf eine wahrscheinlich gemeinsame Peptidsequenz eines Virus bzw. Bakterium und Myelin-produzierenden Zellen. Weil sich der initiale Kontakt mit Viren oder Bakterien normalerweise an Schleimhautoberflächen abspielt, könnte eine Th2-Konditionierung der Schleimhäute eine fehlgeleitete Th1-Reaktivität auf solche gemeinsamen Peptidsequenzen verhindern.

Klinische Relevanz: Die Möglichkeit, daß Eingeweidewürmer den Wirt vor der Entwicklung oder der Fortdauer einer CED schützen können, brachte die Health-Care-Forschergruppe der University of Iowa zu der Überlegung, ein solches Agens bei der Behandlung der aktiven CED anzuwenden. Es war wünschenswert, daß sich das Agens im Intestinum ausbreitet, ohne in den Wirt selbst einzudringen. Außerdem mußte die Herkunft der Würmer Apathogenität garantieren, um das Risiko einer Mitübertragung von Krankheiten, die eine Gefahr für die Volksgesundheit darstellen, wie HIV oder Hepatitis B, C oder E, gering zu halten. Der Schweine-Peitschenwurm Trichuris suis erfüllt diese Bedingungen.

T. suis ist kein menschlicher Parasit, aber seine Ova sind in der Lage, einen menschlichen Wirt für einige Wochen zu kolonisieren. Sie werden im Anschluß ohne besondere Therapie eliminiert. Mit dem Stuhl ausgeschiedene Eier sind zur Kolonisation nicht in der Lage, da sie sich noch nicht imEmbryonenstadium befinden. Dieser Wurm kann nicht kultiviert oder in vitro gezogen werden, aber eine Gewinnung aus kolonisierten, pathogenfreien Schweinen ist möglich.

Acht Patienten mit steroidabhängiger oder therapieresistenter CED mit Befall des Colon und/oder Dünndarms (fünf hatten M.Crohn und drei Colitis ulcerosa) wurden für eine Pilotstudie mit T. suis-Eiern ausgewählt. Jedem Probanden wurde eine Einzelgabe von 2500 Eiern in 30 ml Gatorade (Limonade / d.Übers.) oder eine wöchentliche Gabe über drei Wochen verabreicht.

Die Beurteilung der Patienten schloss Stuhlfrequenz, M.Crohn-Aktivitäts-Index (Crohn's disease activity index - CDAI), großes Blutbild, Leberenzyme und Bilirubin, BSG, C-reaktives Protein, Urinuntersuchung, Stuhlkultur, Untersuchung auf Eier und Parasiten und CED-Lebensqualität- Fragebogen (IBD quality of life questionnaire -IBDQ) ein. Obwohl bei CED keine Laboruntersuchung für sich genommen das Ausmaß der aktiven Entzündung beschreibt, spiegelte sich der Behandlungserfolg deutlich in den positiven Veränderungen derjenigen Auswertungskriterien wider, die eine subjektive Wahrnehmung von Verbesserungen beinhalten.

Die niedrigsten CDAI-Werte fanden sich beispielsweise im Zeitraum von vier bis zwölf Wochen (Mittelwert: sieben Wochen) nach Beginn der Studie, der mittlere niedrigste Wert betrug 55% des initial erhobenen Wertes (p=0.03). Vier der fünf Patienten mit M.Crohn gelangten in die Remission (CDAI niedriger als 150), der fünfte wies eine signifikante Erniedigung des CDAI auf 151 Punkte auf.

Der IBDQ stieg bei allen Patienten vom initialen Mittelwert 124 zum höchsten mittleren Wert von 186 (p=0.00005). Ein IBDQ von 170 oder höher wird oft als Remission angesehen. Diesem Kriterium folgend gelangten sieben von acht Patienten in die Remission, die bis zu fünf Monaten anhielt.

Trotz beträchtlicher Schwankungen ging die mittlere wöchentliche Stuhlhäufigkeit bei allen Probanden von 59 auf 33 zurück, d.h. auf etwa 50% des initialen Wertes (p=0.03).

Schließlich beurteilten alle Patienten das subjektive Gefühl der Besserung anhand einer Neun-Punkte-Likert-Skala (1 = schwere Exazerbation, 9 = vollkommene Remission): der mittlere Ansprechwert betrug 7,5. Die mittlere Ansprechdauer betrug fünf Wochen.

Bei keinem der Patienten kam es zu nennenswerten Komplikationen oder unerwünschten Ereignissen. Kein Patient äußerte während oder nach der Studie Besorgnis über die Therapie. Alle waren gewillt, sich weiteren Behandlungen zu unterziehen.

Bei allen Patienten kam es nach einer Einzeldosis zum Rückfall. Der Grund für die Rückfälle war unbekannt, aber es erschien plausibel, daß sich subtile Veränderungen im Milieu ergeben hatten, welche die Th1-Th2-Balance betraf. Da T. suis Menschen nur kurzzeitig kolonisiert, wird angenommen, daß die Dauer der Th2-Antwort für diesen Organismus nicht ausreichte, um die Relation von der normabweichenden Th1-Antwort auf Dauer zu verschieben.

Daher wurde den Forschern gestattet, Patienten mit refraktärer CED alle drei Wochen eine Erhaltungsdosis des Erregers zu verabreichen. Zwei Patienten mit M. Crohn und zwei mit Colitis ulcerosa wurden zur zweiten Phase der Open-label-Studie zugelassen. Alle vier Patienten gelangten in die aufrechterhaltene Remission. Zwei von ihnen erhalten diese Behandlung nun seit mehr als einem Jahr. Eine Doppelblindstudie wird jetzt vorbereitet, um im weiteren die Effizienz dieser Therapie zu prüfen.

Zwei epidemiologische Ergebnisse sind bedeutsam für die Hygiene-Hypothese, wie sie von dieser Situation umschrieben wird: a) in Gegenden, in denen intestinale Würmer endemisch sind, sind die Menschen vor CED geschützt; b) sie ziehen sich außerdem mehrheitlich keine Krankheiten zu, die auf intestinale Würmer zurückgeführt werden können. Ihr Immunsystem scheint an die Kolonisation mit Würmern adaptiert, aus diesem Grunde können diese Parasiten in genetisch veranlagten Individuen eine wichtige Rolle bei der Prävention einer immunologischen Dysregulation spielen. Indem wir uns von relativ harmlosen Organismen mit einer bedeutsamen immunregulatorischen Potenz befreit haben, könnten wir unbeabsichtigt ein immunregulatorisches Ungleichgewicht ausgelöst haben, das uns zum Opfer von Autoimmunerkrankungen wie den CED werden ließ.

Referenzhinweis: Die Pilotstudie stellte eine Grundlage für das Design einer randomisierten, klinischen Doppelblindstudie dar. Diese wird derzeit an den UI-Krankenhäusern und -Kliniken vorbereitet. Ärzte, die Patienten mit CED behandeln, sind aufgerufen, diese an uns zur Evaluation und möglicherweise Teilnahme an dieser Studie zu verweisen. Bitte wenden Sie sich an die UI-Beratung (1-800-322-8442), und nehmen Kontakt auf mit Robert Summers, M.D. oder Joel Weinstock, M.D., die diese Studie verantwortlich durchführen.

Die Hygiene-Hypothese:

— Organismen, die im menschlichen Darm leben, sind bedeutsam für die Tonisierung und Ausformung sowohl des lokalen Immunsystems als auch der systemischen Immunantworten

— Die industrialisierte Gesellschaft wird von fortschreitender hygienischer Lebensweise gekennzeichnet. So wurden die Menschen von ihrer natürlichen Umwelt entfremdet, was die Anpassung des menschlichen Immunsystems bewirkte und jetzt ein intestinales Milieu bedingt, welches sich weitgehend von dem unserer Vorfahren unterscheidet.

 — Diese Entwicklung führt zum Erscheinungsbild diverser Autoimmun- und anderer immunologischer Erkrankungen

— Die nachlassende Kolonisation mit Würmern und der einzigartige Effekt dieser Parasiten auf unsere Immunantwort sind wesentliche Faktoren, die zur Ausbildung von Autoimmunerkrankungen beitragen.

Den menschlichen Gastrointestinaltrakt besiedelnde Würmer:

Nematodes (Rundwürmer):
- Enterobius vermicularis (Madenwurm),
Trichuris trichiura (Peitschenwurm)
- Ancylostoma duodenale und Necator americanus (Hakenwürmer), Ascaris

Plathelminthes (Plattwürmer)                                                                                     - Trematoden (Saugwürmer): Fasciolopsis spiralis, Echinostoma spiralis, Heterophyes spiralis, Clonorchis sinensis, Opisthorchis viverrini, Opisthorchis felineus, Fasciola hepatica, Schistosoma mansoni und Schistosoma japonicum
- Zestoden (Bandwürmer): Diphyllobothrium spiralis, Taenia saginata, Tenia solium

Anmerkungen:

1 Chronisch entzündliche Darmerkrankungen: M. Crohn und Colitis ulcerosa 

2  T-Helfer-Zellen      

3  Interleukin         

4  Interferon gamma    

5  Tumor-Nekrose-Faktor alpha



Originaltext erschienen in der Zeitschrift “Currents”, 2001, vol. 2, # 1

Übersetzung mit freundlicher Genehmigung von “Currents”, vierteljährliche Veröffentlichung der Iowa Health Care.  www.uihealthcare.com/Currents
Neue Wege

Die biologische Behandlung der Nasennebenhöhlen-
entzündung
Schriftenreihe Naturheilkunde
Heft 1 
- 3. Aufl. 2008 | Ansehen

Die biologische Behandlung der Arthrose
Schriftenreihe Naturheilkunde
Heft 2 
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Die biologische Behandlung von Sodbrennen und Reflux
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