Urstromtal

Last updated on 3. Mai 2020

Hamburg bis Havelberg

Vier- und Marschlande

Östlich von Hamburg liegen im Flussverlauf die „Vier- und Marschlande“, ein etwa 30 km langes Marschgebiet – heute „Naherholungsparadies“, früher der zu Wohlstand gekommene Gemüsegarten Hamburgs. Viele antiquierte Gewächshäuser in den Vierlanden stehen leer oder werden als Lager für dies und jenes zweckentfremdet, es finden sich sogar halbverfallene Exemplare. Einige Gärtnereien haben weitergemacht und sich erfolgreich auf Bioware umgestellt. Hierüber berichte ich im Podcast.

Veraltete, aber pittoreske Gewächshäuser finden sich an vielen Orten in den Vier- und Marschlanden.
Veraltete, aber pittoreske Gewächshäuser in den Vier- und Marschlanden.

Geesthacht

Geesthacht, die 30 km hinter Hamburg liegende Stadt an der Elbe, kommt in Sicht. Dem Fluss wurde an dieser Stelle schon 1960 ein breiter Sperrriegel in Form einer Schleuse und eines Wehrs implantiert, damit der Wasserspiegel oberhalb konstant 4 Meter höher ist als darunter. Die offizielle Bezeichnung hierfür ist „Staustufe Geesthacht“. Das hört sich harmlos an und ist es relativ gesehen auch, denn nach der Wiedervereinigung plante man neun weitere solcher Anlagen, um die Elbe bis Dresden und darüber hinaus als Wasserstraße optimal nutzen zu können. Daraus wurde glücklicherweise nichts, die Staustufe Geesthacht bleibt abgesehen von der Elbvertiefung die einzige offensichtliche flussbautechnische Brutalität auf deutschem Gebiet. Ab Geesthacht bis zum Elbe-Seitenkanal weiter flussaufwärts ist die Elbe seit dieser Zeit ein langgestreckter Staussee – was man ihr allerdings auf den ersten Blick nicht ansieht. Die hereindrückende Tide der Nordsee kann den Pegel des Flusses von hier an nicht mehr beeinflussen. Die Baumaßnahme erschien aus flusstechnischer Sicht notwendig, denn die ständigen Vertiefungen der Unterelbe von Hamburg bis zur Nordsee führten zu einer Drainage des Flusses weiter oberhalb und ließen auch den dortigen Grundwasserpegel fallen. Eine tiefere Rinne lässt das Wasser bei Ebbe eben schneller abfließen. Ein paar Jahre später wurde außerdem der Elbe-Seitenkanal als Wasserstraßenverbindung zum Mittellandkanal fertiggestellt. Da wurde die riskante Elbpassage über das DDR-Gebiet bis Magdeburg überflüssig und die NATO hatte mit dem 115 km langen, wie zufällig entlang der Zonengrenze verlaufenden Stichkanal eine wunderbare Panzersperre mit steiler Westböschung und der Möglichkeit, selber mit Panzern über die flachere Ostböschung den eisernen Vorhang zu erreichen.

Die beiden Schleusen in Geesthacht wurden im fantasielos kantigen Betonstil der sechziger Jahre gebaut. Für eine Energiegewinnung erschien das Gefälle damals nicht ausreichend, auch weil oberhalb der Staustufe auf der linken Flusseite ein Deich als Schutz der dahinterliegenden Marsch besteht. Dieser konnte natürlich nicht wesentlich erhöht werden, zumal dahinter eine Kette von Ortschaften liegt. Die Elbe ist eben kein beliebig aufstaubarer Fluss mit imposanten Schluchtkesseln.

Das Millionenprojekt Fischtreppe am Geesthachter Wehr ist leider im Video nur am Rande gestreift (bei 2:30). Ein Luftbild zeigt die Dimensionen der Anlage.

Radegast / Bleckede

Radegast
Radegast Anfang April 2020
Land vor den Deichen
Radegast

Amt Neuhaus

Das Foto unten stellt den Grenzwachtturm von Neu-Bleckede am ehemaligen DDR-Ufer dar. Angeblich gehört der Turm jetzt einem alternden Berliner Opernsänger. Kurz nach der Wende 1989 soll er diese Wehrburg des Kalten Krieges bei einem gemeinsamen Trinkgelage mit NVA-Soldaten vertragsgerecht erworben haben, natürlich mit krummen Unterschriften versehen. Allerdings würde er sich bis heute mit dem Land Niedersachsen über die wahren Besitzverhältnisse streiten. Hin und wieder könne man ihn an lauen Sommerabenden mit Freunden auf dem Dach des Turms sehen, Zigarre rauchend und mit weitem Blick die Aussicht über die Elbe genießend – von genau jener Stelle aus, an der früher der mannsgroße Suchscheinwerfer der Grenztruppen zum Aufspüren von Republikflüchtlingen installiert war.

Leider kann ich nicht selber beim Schlossherrn vorsprechen, denn der Turm, das Sommerdomizil eines Barden, ist abgeschlossen und erscheint kalt und unnahbar, wie ein Wachturm gemäß Denkmalschutzrichtlinien eben auszusehen hat. Immerhin sind die Panoramafenster intakt – an der Geschichte muss also etwas dran sein.

BT 4x4-Turm

Rüterberg

Ehemaliger Grenzzaun
Ehemaliger Grenzzaun der Dorfrepublik Rüterberg

Dömitz

Störche
Störche in der Innenstadt von Dömitz

An vielen Stellen entlang der innerdeutschen Grenze wurden zwar nach der Wende die Halogenstrahler der NVA-Grenzbefestigung abmontiert, die Betonpfosten jedoch ließ man stehen und installierte an ihrer Spitze Storchennester, die von den Tieren gerne angenommen werden.

Störche 2

Eisenbahnbrücke bei Dömitz

Die nach der Reichsgründung 1871 gebaute Eisenbahnbrücke bei Dömitz war Teil der Bahnverbindung Hamburg-Berlin. Heute sind nur noch 16 Vorlandbrücken auf dem linken Uferbereich erhalten.

Brücke in Dömitz über die Neue Löcknitz.

Lenzen

Den schönsten Blick auf die mittelalterliche und geschichtsträchtige Stadt Lenzen hat man von der Erhebung des Höhbeck auf der niedersächsischen Seite der Elbe. Diese eigenartige geologische Formation inmitten der Elbniederung entstand während der vorletzten Eiszeit vor 230.000 Jahren. Das aus Skandinavien herabdrückende Eis schob hier eine Gerölldelle vor sich her und stauchte sie in mehreren Falten zu einer heute noch 75 m hohen Erhebung. An der zum Gipfel führenden Straße zeigt sich dieses teppichfaltenartige Relief der Landschaft sehr deutlich.

Am höchsten Punkt des Höhbeck hat man eine Aussichtsplattform gebaut, die einen weiten Blick in die bewaldeten Gebiete Brandenburgs erlaubt. Als die Elbe noch ein breiter Fluss ohne Deiche mit weitflächigen Überschwemmungen im Frühjahr war, ragte der Höhbeck zu bestimmten Zeiten wie eine Insel aus dem Urstromtal hervor.

Höhbeck
Die Erhebung des Höhbeck vom brandenburgischen Ufer
Lenzen
Lenzen vom niedersächsischen Ufer aus

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