Urstromtal

Last updated on 26. Juli 2020

Hamburg bis Havelberg

Vier- und Marschlande

Östlich von Hamburg liegen im Flussverlauf die „Vier- und Marschlande“, ein etwa 30 km langes Marschgebiet – heute „Naherholungsparadies“, früher der zu Wohlstand gekommene Gemüsegarten Hamburgs. Viele antiquierte Gewächshäuser in den Vierlanden stehen leer oder werden als Lager für dies und jenes zweckentfremdet, es finden sich sogar halbverfallene Exemplare. Einige Gärtnereien haben weitergemacht und sich erfolgreich auf Bioware umgestellt. Hierüber berichte ich im Podcast.

Veraltete, aber pittoreske Gewächshäuser finden sich an vielen Orten in den Vier- und Marschlanden.
Veraltete, aber pittoreske Gewächshäuser in den Vier- und Marschlanden.

Geesthacht

Geesthacht, die 30 km hinter Hamburg liegende Stadt an der Elbe, kommt in Sicht. Dem Fluss wurde an dieser Stelle schon 1960 ein breiter Sperrriegel in Form einer Schleuse und eines Wehrs implantiert, damit der Wasserspiegel oberhalb konstant 4 Meter höher ist als darunter. Die offizielle Bezeichnung hierfür ist „Staustufe Geesthacht“. Das hört sich harmlos an und ist es relativ gesehen auch, denn nach der Wiedervereinigung plante man neun weitere solcher Anlagen, um die Elbe bis Dresden und darüber hinaus als Wasserstraße optimal nutzen zu können. Daraus wurde glücklicherweise nichts, die Staustufe Geesthacht bleibt abgesehen von der Elbvertiefung die einzige offensichtliche flussbautechnische Brutalität auf deutschem Gebiet. Ab Geesthacht bis zum Elbe-Seitenkanal weiter flussaufwärts ist die Elbe seit dieser Zeit ein langgestreckter Staussee – was man ihr allerdings auf den ersten Blick nicht ansieht. Die hereindrückende Tide der Nordsee kann den Pegel des Flusses von hier an nicht mehr beeinflussen. Die Baumaßnahme erschien aus flusstechnischer Sicht notwendig, denn die ständigen Vertiefungen der Unterelbe von Hamburg bis zur Nordsee führten zu einer Drainage des Flusses weiter oberhalb und ließen auch den dortigen Grundwasserpegel fallen. Eine tiefere Rinne lässt das Wasser bei Ebbe eben schneller abfließen. Ein paar Jahre später wurde außerdem der Elbe-Seitenkanal als Verbindung zum Mittellandkanal fertiggestellt. Von da an erübrigte sich die unerwünschte Elbpassage über das DDR-Gebiet bis Magdeburg und die NATO hatte mit dem 115 km langen, entlang der damaligen Grenze verlaufenden Stichkanal eine wunderbare Panzersperre mit steiler Westböschung und der Möglichkeit, selber mit Panzern über die flachere Ostböschung den eisernen Vorhang zu erreichen.

Die beiden Schleusen in Geesthacht wurden im fantasielos kantigen Betonstil der sechziger Jahre gebaut. Für eine Energiegewinnung erschien das Gefälle damals nicht ausreichend, auch weil oberhalb der Staustufe auf der linken Flusseite ein Deich als Schutz der dahinterliegenden Marsch besteht. Dieser konnte natürlich nicht wesentlich erhöht werden, zumal dahinter eine Kette von Ortschaften liegt. Die Elbe ist eben kein beliebig aufstaubarer Fluss mit imposanten Schluchtkesseln.

Das Millionenprojekt Fischtreppe am Geesthachter Wehr ist leider im Video nur am Rande gestreift (bei 2:30). Ein Luftbild zeigt die Dimensionen der Anlage.

Radegast / Bleckede

Radegast
Radegast Anfang April 2020
Land vor den Deichen
Radegast

Amt Neuhaus

Das Foto unten zeigt den Grenzwachtturm von Neu-Bleckede am ehemaligen DDR-Ufer. Angeblich gehört der Turm jetzt einem alternden Berliner Opernsänger. Kurz nach der Wende 1989 soll er diese Wehrburg des Kalten Krieges bei einem gemeinsamen Trinkgelage mit NVA-Soldaten vertragsgerecht erworben haben, natürlich mit krummen Unterschriften versehen. Allerdings würde er sich bis heute mit dem Land Niedersachsen über die wahren Besitzverhältnisse streiten. Hin und wieder könne man ihn an lauen Sommerabenden mit Freunden auf dem Dach des Turms sehen, Zigarre rauchend und mit weitem Blick die Aussicht über die Elbe genießend – von genau jener Stelle aus, an der früher der mannsgroße Suchscheinwerfer der Grenztruppen zum Aufspüren von Republikflüchtlingen installiert war.

Leider kann ich nicht selber beim Schlossherrn vorsprechen, denn der Turm, das Sommerdomizil eines Barden, ist abgeschlossen und erscheint kalt und unnahbar, wie ein Wachturm gemäß Denkmalschutzrichtlinien eben auszusehen hat. Immerhin sind die Panoramafenster intakt – an der Geschichte muss also etwas dran sein.

BT 4x4-Turm

Rüterberg

Die innerdeutsche Grenze, vor allem jenes Teilstück entlang der Elbe, war zu DDR-Zeiten eine Zumutung für die hier lebenden Menschen. Ich befahre den mittleren Abschnitt dieser seinerzeit hermetisch abgeriegelten Flussgrenze, von Darchau aus setze ich die Fahrt auf dem Deich fort. Heute ist dies einer der schönsten Abschnitte der sogenannten Elbtalaue, der weite Blick in alle Richtungen gibt eine Ahnung von Freiheit, vor allem, wenn man sich bewusst macht, wie abgeschottet die Menschen hier im ersten und letzten Arbeiter- und Bauernstaat lebten. Wer in Ortschaften wie Stiepelse, Viehle oder Darchau seinerzeit an der Scholle hing oder sich in den späten 40er und 50er Jahren nicht traute, in den Westen zu gehen, musste versuchen, das Beste aus der Situation zu machen. Die Sperrzone war ja auch zum weiteren Staatsgebiet der DDR nicht ohne weiteres passierbar, die Isolation nach vorne und hinten fast komplett. Der östliche Teil der Elbtalaue war fast ein Staat im Staate. Als Westbewohner sah man zwar den schrecklichen, fast undurchsichtigen Grenzzaun auf der anderen Elbseite, kam aber immerhin noch in den Genuss des Elbblicks, der dem Ostbürger komplett verwehrt war, so er nicht ein Haus am Deich hatte und vom Obergeschoss aus in die Ferne blicken konnte.

Eine besonders skurrile Situation ergab sich für die Bewohner des Elbdorfes Rüterberg, einige Kilometer westlich von Dömitz gelegen. Rüterberg war aufgrund seiner erhöhten Lage an einer unübersichtlichen Elbschleife noch isolierter vom DDR-Hinterland als die übrigen Gebiete entlang der Elbe. Die Grenztruppen der DDR konnten die Gegend nur schwer sichern, weshalb man sich entschied, den Elbe-Grenzzaun um die gesamte Ortschaft herumzulegen und aus Rüterberg eine Art Alcatraz zu machen. Ab 23 Uhr kam niemand mehr rein oder raus, um 5 Uhr morgens durften die Werktätigen aber wieder ausrücken, um beispielsweise im nahen Dömitz ihrer Arbeit nachzugehen. Rüterberg wurde zu einer sozialistischen Gated community.

Jedoch – und damit hatten die Stacheldraht-Sozialisten nicht gerechnet – beherbergte Rüterberg das tapfere Schneiderlein Hans Rasenberger, der in den späten 1980er Jahren im Rentenalter die Erlaubnis zum Reisen bekam. Der besuchte die Schweiz, wo er in Kontakt mit kantonaler Selbstverwaltung kam – ein Gedanke, der ihn fortan nicht mehr losließ. Einen Tag vor der Wende, am 8. November 1989, übernahmen die von jahrelanger Gängelung genervten Bewohner schließlich seine Idee und gründeten die unabhängige „Dorfrepublik Rüterberg“. Es gibt auch ein Foto, das Rasenberger mit der freien Republikfahne zeigt wie jenen unbekannten sowjetischen Soldaten, der zum Kriegsende die rote Fahne auf dem Reichstag hisste. https://www.svz.de/lokales/ludwigsluster-tageblatt/dorfrepublik-in-rueterberg-noch-immer-praesent-id8136566.html

Kleinstaaterei kann so schön sein, und neben eigenen Pässen bekamen auch die Ortsschilder den Zusatz „Dorfrepublik“. Die Dorfrepublik Rüterberg war somit das Pendant zur „Republik Wendland“, die sich im Rahmen der Atomkraftgegnerbewegung zuvor schon am abgelegenen Westufer der Elbe etablierte. Die westdeutsche „Republik Wendland“ bei Gorleben mit ihren zusammengezimmerten Hütten und Lagerfeuern war die Grassroot-Antwort auf Halbwertzeit-bedingte 100.000 Jahre Atomstaat, die man sich in typisch grüner Beschränktheit gar nicht anders vorstellen konnte als ein Inferno aus Beton, Stacheldraht und Nuklearwahn. Dagegen setzte man die Ideale der westdeutschen Atomfreien Deutschen Jugend und sang am Lagerfeuer zur Klampfe „Ein Hauch der Freien Republik Wendland wehte durch den Gorlebener Tann…“. Die grünen Wandervögel der 70er Jahre bezeichneten die dürren Kieferplantagen um Gorleben tatsächlich als „Tann“ und berauschten sich an ihnen wie ihre Outdoor-Vorfahren der Kaiserzeit. Die drangsalierten Bürger Rüterbergs auf der anderen Elbseite dagegen litten an der realen und dauerhaften Einkesselung durch das DDR-Grenzregime.

Bedauerlicherweise haben sich die Vertreter dieser beiden zeitversetzt entstandenen Lager nie etwas zu sagen gehabt. Sie haben vielleicht noch nicht einmal geahnt, daß es – nur wenige Kilometer entfernt und getrennt von einem seichten Fluss – Menschen mit einem ähnlichen Freiheitsdrang, aber anderen Freiheitsvorstellungen gegeben hat. Diese Wesensunterschiede erklären vielleicht sogar den bis heute anhaltenden Ost-West-Gegensatz.

Dabei wäre Rüterberg aufgrund seiner schwer kontrollierbaren Lage in einer Flußschleife in den 60er Jahren beinahe dem Erdboden gleichgemacht worden. In der heißesten Phase des Kalten Krieges fand hier einmal eine Gefechtsübung der NVA-Grenztruppen statt. Die Binnendüne, auf der das Dorf liegt, eignete sich für einen weiten Einblick ins Feindesland, also die damalige BRD. Bis in das 20 km entfernte Städtchen Lüchow konnte der Gegner mit Feldstechern ausgespäht werden. Ein beflissener DDR-Grenzer soll bei einer Lagebesprechung dem anwesenden General der Roten Armee vorlaut eröffnet haben, daß das Dorf demnächst ja ohnehin weg käme, woraufhin der kluge Russe bemerkte, daß dies ein schwerer Fehler sei: schließlich sei das Dorf als solches die beste Tarnung, es dürfe daher auf keinen Fall abgerissen werden. Dem General haben sie in Rüterberg kein Denkmal hingestellt, wie ja überhaupt die wahren Wohltäter meistens zurückstehen müssen, wenn es an die Austeilung öffentlicher Belobungen geht.

Die Elbe bei Rüterberg

Dömitz

Festung Dömitz

An vielen Stellen entlang der innerdeutschen Grenze wurden zwar nach der Wende die Halogenstrahler der NVA-Grenzbefestigung abmontiert, die Betonpfosten jedoch ließ man stehen und installierte an ihrer Spitze Storchennester, die von den Tieren gerne angenommen werden.

Störche
Störche 2

Die nach der Reichsgründung 1871 gebaute Eisenbahnbrücke bei Dömitz war Teil der Bahnverbindung Hamburg-Berlin. Heute sind nur noch 16 Vorlandbrücken auf dem linken Uferbereich erhalten.

Dömitz Eisenbahnbrücke
Dömitz Eisenbahnbrücke 2
Brücke über die Löcknitz in Dömitz

Lenzen

Den schönsten Blick auf die mittelalterliche und geschichtsträchtige Stadt Lenzen hat man von der Erhebung des Höhbeck auf der niedersächsischen Seite der Elbe. Diese eigenartige geologische Formation inmitten der Elbniederung entstand während der vorletzten Eiszeit vor 230.000 Jahren. Das aus Skandinavien herabdrückende Eis schob hier eine Gerölldelle vor sich her und stauchte sie in mehreren Falten zu einer heute noch 75 m hohen Erhebung. An der zum Gipfel führenden Straße zeigt sich dieses teppichfaltenartige Relief der Landschaft sehr deutlich.

Am höchsten Punkt des Höhbeck hat man eine Aussichtsplattform gebaut, die einen weiten Blick in die bewaldeten Gebiete Brandenburgs erlaubt. Als die Elbe noch ein breiter Fluss ohne Deiche mit weitflächigen Überschwemmungen im Frühjahr war, ragte der Höhbeck zu bestimmten Zeiten wie eine Insel aus dem Urstromtal hervor.

Höhbeck
Die Erhebung des Höhbeck vom brandenburgischen Ufer
Lenzen
Lenzen vom niedersächsischen Ufer aus

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