Strömungsabriss

Last updated on 8. September 2021

Friedrichskoog bis Glückstadt/Wischhafen

Es ist Mitte Mai. Am späten Vormittag liegt noch immer Seenebel über dem Land, leuchtend gelbe Rapsfelder verlieren sich an ihren Rändern im milchigen Grau des Himmels. Der Mai ist in diesem Jahr ungewöhnlich kalt, aber im Laufe des Tages soll es freundlich werden, bei mäßigem Wind, der natürlich an der Küste immer stärker weht als im Binnenland. Ich mache mich mit dem Auto – Fahrrad huckepack – auf den Weg, nach Friedrichskoog am äußersten nördlichen Ufer der Elbmündung …

Heute ist ein besonderer Tag für mich, es ist dies die erste Etappe auf meinem Weg entlang der Elbe, von der Mündung bis zur Quelle an der tschechisch-polnischen Grenze.

Ich habe Friedrichskoog vor 40 Jahren zuletzt besucht. Es hat sich vieles verändert. Neue Siedlungen sind entstanden, die ortstypischen großen Bauernhäuser der 30er Jahre wurden umgebaut und erweitert. In 40 Jahren hat aber auch die Windenergie diesen Landstrich an der Küste geprägt. Wie früher die Masten im Hamburger Hafen, die im 20. Jahrhundert fast ganz verschwunden sind, so ist hier ein neuer Wald aus geflügelten Masten entstanden, deren Rotorblätter fauchend die Luft durchschneiden. Das Ohr will sich nicht an dieses rhythmische Geräusch gewöhnen, und die fliegende Fauna kollidiert regelmäßig mit den rotierenden Karbonsensen. Vögel und Fledermäuse, aber auch Insektenschwärme als Kollateralschäden der grünen Energiewende haben eben keine mächtige Lobby.

In Friedrichskoog-Spitze, dem westlichsten Punkt dieser Landzunge im Norden der hier trichterförmig breiten Elbe schiebe ich das Fahrrad auf den Deich, erahne jenseits von Vorland und Watt das Wasser der hier in die Nordsee strömenden Elbe. Ein Saum zwischen dem Süßwasser der Elbe und dem salzigen Meerwasser, eine irgendwie erkennbare Grenze zwischen Fluss und Meer, lässt sich auf dem Deich nicht erkennen. Hier ist Lands end, Finisterre, aber ohne einen markanten Leuchtturm, denn hier gibt es keine Klippen wie in Cornwall oder der Bretagne, nur eine sanfte Durchmischung von Fluss und Meer. Feste Markierungen gibt es nicht, doch bei Friedrichskoog ragt mit dem steinernen Trischendamm ein steinerner Finger ins Wattenmeer. Dieser sollte früher die Verbindung zur wandernden Vogelinsel Trischen herstellen. Auf der Karte sieht diese Insel aus wie eine Art Niere, vom Deich aus aber ist sie aufgrund ihrer geringen Erhebung über dem Meeresspiegel nicht zu sehen.

Eine Gruppe Polen, die auf der Deichkuppe gerade eben noch eifrig plappernd Selfies von sich machte, wandert jetzt über diesen schmalen Grat aus Basaltsteinen ins unendlich scheinende Wattenmeer hinaus. Mittlerweile ist es nicht mehr neblig, so lässt sich ihr Auszug in die Weite des Meeres noch lange beobachten.

Das Fahrwasser der Elbe befindet sich weiter südlich, in der Nähe von Cuxhaven auf der anderen Seite des hier mehrere Kilometer breiten Flusses. Irgendwo zwischen der Kugelbake von Cuxhaven und dem ursprünglichen Fischerdorf Friedrichskoog auf dieser Seite liegt die Grenze zwischen Fluss und Meer, zwischen Binnenelbe und Außenelbe weiter draußen, wo das Wasser noch weit weniger salzig ist als sonst in der Nordsee. Cuxhaven ist von hier aus nicht zu erkennen, allerdings zeichnet sich der Fernsehturm dieser Stadt am Horizont ab, ebenso wie die Bohrplattform Middelplate, über die immerhin mehr als 1 Millionen Tonnen Erdöl jährlich gefördert werden – Tendenz fallend bis zur allmählichen Erschöpfung dieser Erdöllagerstätte.

Die ersten Kilometer bis zum alten Hafen von Friedrichskoog sind auf dem Fahrrad schnell zurückgelegt. Dieser Hafen ist vor einigen Jahren von der schleswig-holsteinischen Landesregierung geschlossen worden, weil sich der Unterhalt, das ständige Ausbaggern der Fahrrinne als (zu) teuer erwies. Ich kenne von früher noch die Schleuse, durch die die Fischerboote auf das Meer herausfuhren. Jetzt ist an dieser Stelle ein hässlicher Block aus Beton und Backstein in die Deichlücke gepfropft worden, der sicher auch die eine oder andere Million verschlungen hat.

Die Menschen hier sind böse auf die Politik. An den Straßenrändern liest man auf Spanntüchern und Plakaten, was sie von der Landesregierung halten, insbesondere auch vom ehemaligen grünen Fischereiminister Habeck, der seinerzeit geholfen hat, diesen Hafen „aus Kostengründen“ für immer zu schließen, der Gegend ihr Herzstück zu nehmen und die Arbeiter der kleinen Werft arbeitslos zu machen.

Weiter östlich kann man vor dem großen Seedeich entlangradeln. Hier ist man fürs Erste allein mit Schafen und Vögeln.

Nach wenigen Kilometern in östlicher Richtung gelangt man an einen geschichtsträchtigen Ort. Hinter dem Deich steht auf einer leichten Erhebung die 1935 gebaute sogenannte „Neulandhalle“, ein Gebäude von den Abmessungen einer Dorfkirche, massiv gebaut und ursprünglich von einem separaten hölzernen Glockenturm überragt. Diese Halle war in den Anfangsjahren der NS-Diktatur ein religiös anmutender, zentraler Versammlungsort für Nationalsozialisten, die um den Friedrichskoog von 1933 bis ’35 Deiche bauten und Neuland für insgesamt 93 neue Hofstellen schufen. Diese Höfe sind auch heute noch in ihrer ursprünglichen Bauweise gut auszumachen, wenngleich mittlerweile das eine oder andere Toskana- oder Schwedenhaus das Siedlungsbild auflockert.

Die hier angesiedelten neuen Bauern waren ausschließlich Gefolgsleute Hitlers, und je höher sie in der örtlichen SA- und SS-Hierarchie standen, desto mehr Giebelfenster wurden ihnen an den neuen „germanischen Bauernhäusern“ zugebilligt. So konnte jeder gleich erkennen, mit wem er es zu tun hatte. Der eigenen Bevölkerung, aber vor allem dem Ausland sollte demonstriert werden, daß der Slogan „Volk ohne Raum“ auf die Gewinnung von Neuland abzielt und nicht etwa auf die Eroberung Osteuropas. Perfide Propaganda also, Täuschung, Lüge durch Auslassung.

Vor wenigen Monaten wurde die Neulandhalle renoviert und im Außenbereich mit interessanten zeitgeschichtlichen Dokumenten versehen, auf denen man all dies ausführlich nachlesen und betrachten kann.

Schnurgerade führt weiter östlich eine schmale Straße durch Kohlfelder wieder zur Elbe hin. Der Deich in der Ferne deutet mir die Richtung an. In einer kleinen Siedlung begegne ich einem Kunstmaler, der gerade die Fassade eines Ferienhauses mit einer Küstenszenerie bemalt. Er ist Pole, der in Danzig Kirchendecken restauriert hat. Die Lebhaftigkeit seines Gemäldes gefällt mir und wir unterhalten uns über Maltechniken und seine Heimatstadt, in der er seinerzeit wohl aus wirtschaftlichen Gründen nicht bleiben konnte. Leider hat man ihm in Deutschland seinen Abschluss als Restaurateur nicht anerkannt, so daß er jetzt einem Brotberuf im nahegelegenen Brunsbüttel nachgehen muss. Er teilt das Schicksal vieler hochqualifizierter Menschen aus dem Osten, die sich in Deutschland unter Wert verkaufen müssen, weil die wirtschaftliche Lage sie dazu zwingt. Seine lakonischen Worte zum Abschied bleiben mir in Erinnerung: „Das Leben ist eigenartig.“

Kurz vor Brunsbüttel rücken die Elbufer Niedersachsens und Schleswig-Holsteins näher aneinander. Zum ersten Mal lässt sich erahnen, daß der Deich nicht mehr dazu dient, ein bisweilen übergriffiges Meer zu zähmen, sondern einen Fluss, der über die Ufer treten kann.

Schafe am Deich

Brunsbüttel ist flussaufwärts die erste größere Ortschaft auf dieser Seite der Elbe. Die Ortschaft wurde im 17. Jahrhundert auf einer leichten Anhöhe neu errichtet, nachdem Gezeiten und Überschwemmungen das ehemalige Dorf, über das jetzt die Elbe fließt, immer wieder in Mitleidenschaft gezogen hatten. Rungholt, der sagenumwobenen Stadt weiter nördlich, muss es ähnlich ergangen sein. Ohne hohe Deiche müsste man hier mit allem rechnen.

In Brunsbüttel wurden die südlichen Schleusen des Nord-Ostsee-Kanals gebaut. Der ursprünglich nach Kaiser Wilhelm II. benannte Kanal diente der schnellen Verlegung von Kriegsschiffen, wenngleich das Lieblingskind des Kaisers, die so überaus glorreiche Flotte, im 1. Weltkrieg eigentlich nie richtig zum Einsatz kam.

Die damals in Brunsbüttel errichteten Gebäude atmen den Geist dieser Zeit und kontrastieren zu heutiger architektonischer Belanglosigkeit und aktuellem Verfall. Brunsbüttel hat noch einen Hafen und eine nicht unbedeutende Chemieindustrie, aber die Pole seiner innerstädtischen Zivilgesellschaft liegen mittlerweile zwischen Tattoostudio und Schülerhilfe.

Eine in leuchtendem Blau strahlende Brücke überquert das Flüsschen Braake. Die Stadtväter sollten diesen farblichen Wagemut ruhig weiter vorantreiben und auch anderen Bauwerken ein grelles neues Farbenkleid verpassen, wie man das vor 20 Jahren in Tirana, der Hauptstadt Albaniens, gemacht hat, um den Bewohnern aus ihrem postsozialistischen Stimmungstief zu helfen.

Die Tristesse verstärkt sich noch einmal beim Übersetzen mit der Fähre über den Nord-Ostsee-Kanal. In Brunsbüttel-Süd tauche ich endgültig in eine Welt des Gestern ein. Oder habe ich gerade den Hades passiert, um geradewegs in der Unterwelt anzulanden? Auf der südöstlichen Seite des Kanals ist alles anders – die Gebäude erscheinen noch zerschlissener und hoffnungsloser als im Ortskern von Brunsbüttel. In den Gehwegritzen vor den längst geschlossenen Kneipen – und von denen gibt es einige – wächst das Gras hoch. Ein Schild im Fenster der ‚WunderBar‘ bietet eine Anstellung für eine freundliche Tresenkraft, die nie mehr kommen wird.

In der Nähe des Anlegers verfällt ein in den 60er Jahren gebautes solides Einfamilienhaus. Der seinerzeit wohl gepflegte Rasen wächst schon in die rostigen Stäbe des Eisenzaunes hinein. Zweifelhafte Etablissements locken mit Einsetzen der Dämmerung Kundschaft an, die sich auf dieser Seite des Kanals unbeobachtet fühlt. In den Straßen sieht man nur wenige Menschen. Die ehemalige Bäckerei in der Nähe des Anlegers zeigt im Schaufenster leere Vasen und Masken. Dieser Teil Brunsbüttels erinnert an das neblige Ostende des flämischen Maskenmales James Ensor.

Brücke in Brunsbüttel
Brücke über die Braake in Brunsbüttel
Elbaufwärts Verfasst von:

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